MHS

von Erik Spiekermann

In der Designszene wird er wie ein Markenartikel gehandelt. Jeder weiß, wer «Schmisi» ist. Auf vielen Kongressen und Symposien trifft man ihn, keine Designinstitution hierzulande, die auf seine Mitarbeit verzichten möchte; es sei denn, er hat andere Vorstellungen als die herrschende Richtung. Das kann häufig der Fall sein, denn Helmut M. Schmitt-Siegel ist Kommunikationsdesigner und als solcher der mitunter fast altmodischen Meinung, nicht jedem Auftraggeber sogleich nach dem Munde reden zu müssen, sondern zunächst Fragen zu stellen – querzudenken.

Schmitt-Siegel leitet das «Design für Communication» ein Team aus gleichgesinnten Gestaltern, seit 1974 in Düsseldorf. Die Bezeichnung ist programmatisch und sagt dem Eingeweihten zugleich, welcher Generation diese Firmengründung entstammt. Der Gründer und Leiter des Teams gehört nämlich zu den wenigen praktizierenden Designern, die nicht nur über die «hochschule für gestaltung» Ulm reden und schreiben, sondern dortselbst ihre Gestalterausbildung erhalten haben. In Ulm wurde Design als auftragsbezogene Leistung innerhalb der Industriegesellschaft gesehen und nicht als künstlerische Aktivität zur Erbauung einiger weniger Auserwählter. Für viele Ex-Ulmer hat das Ablehnen unwissenschaftlicher «kreativer» Arbeit zu ziemlich festgefahrener, oft eintöniger Gestaltung geführt. Schmitt-Siegel hingegen gehört zu denen, die über aller Theorie und Forschung den Spaß an der Arbeit und die daraus entstehende Freude bei der anvisierten Zielgruppe nicht aus den Augen verloren haben. «Weniger ist mehr», sagt er und bleibt damit den Ulmer Grundsätzen treu, «und mehr ist sinnlicher als wenig.» In dieser dialektischen Sentenz verdichtet sich eine Designphilosophie, die sich in seinen Arbeiten spiegelt.

Die abgebildeten Beispiele zeigen, wie ein engagierter Gestalter mit dem rigiden Korsett postalischer Bestimmungen und den vielerorts als unumstößlich geltenden DIN-Normen umgehen kann, ohne dabei in stereotype Lösungen zu verfallen. Natürlich funktionieren von Schmitt-Siegel entworfene Geschäftspapiere: Sie lassen sich mühelos beschriften und sind hervorragend organisierte Vordrucke für den Geschäftsverkehr. Dem Auftraggeber wird nicht nur der leere Briefbogen gezeigt, sondern auch und vor allem die beschriftete Version, die schließlich beim Empfänger ankommt. Aber darüber hinaus vermitteln sie auch das, was sich viele Unternehmen für teures Geld kaufen müssen: die Identität des Absenders. Hier gibt es keine austauschbaren Logos, die zum tausendsten Male «dynamische» Pfeilformen und Letraset-Initialen abhandeln, keine Normfirmenfarbe Blau nach HKS 42, Hier gibt es lebendige Systeme, die mit dem unerschöpflichen Vorrat typografischer Zeichen spielen, zur Geltung gebracht und emotional unterstützt durch ein differenziertes Farbklima, das einem Unternehmen auch stimmungsvolle Aussagen und Weiterentwicklungen ermöglicht.

Gerade Erscheinungsbilder – meinetwegen «Corporate Design» – für Unternehmen der neuen Dienstleistungen wie Softwareberatung oder vertrieb zeichnen sich oft durch zweierlei aus: Entweder sind sie mit den neuesten Computern aufs scheußlichste «selbst» gemacht, mit allen Fehlern, die sich nach Murphys Gesetz nur machen lassen, oder ein wilder Jungdesigner darf endlich zeigen, was er für Tricks drauf hat. Toll, aber spätestens nach ein paar Monaten hoffnungslos müde und peinlich.

Die Designsysteme für «MHS» und «Lifetree Software» gehören zu keiner dieser beiden Kategorien, sind weder modisch noch plump, weder langweilig noch altmodisch: Frische Farben, geschickt eingesetzte Schriften, die zwar nicht zu denen gehören, die gerade auf Plattenhüllen und Szenemagazinen en vogue sind, aber durch wohlüberlegten Einsatz aller typografischen Mittel so aussehen, als wären sie just für diese Anwendung entworfen worden, schaffen einen eindrucksvollen Auftritt inmitten des Overkill gerade dieser Branche. Die Wortmarken «MHS», «Hippokrates» und «Lifetree Software» sind eindeutiger als abstrakte Signets und flexibler. Mit einfachsten Mitteln wird hier durch höchste Disziplin und Ökonomie im Umgang mit Schrift, Raum und Farbe ein sympathisches Bild geschaffen, das durch den Einsatz flexibler Elemente wie Linien, Punkte und Farbflächen ständig neu definiert werden kann. Der Firmenauftritt wird dadurch nie langweilig, bleibt aber stets eindeutig. Hin und wieder blitzt augenzwinkernd sogar ein wenig Humor durch - Helmut, der Rheinländer, hat offensichtlich seine Auftraggeber davon überzeugen können, daß sein Zielpublikum nicht aus verbiesterten Boulevardzeitungslesern besteht, sondern aus anspruchsvollen Zeitgenossen, die für ihr Geld nicht nur Daten, sondern auch ein Stück Kultur und Zeitgeist haben wollen.

Schmitt-Siegel ist seit vielen Jahren Lehrer für Kommunikationsdesign und seit vier Jahren Professor in Bielefeld. Während irgendeiner der vielen öffentlichen Veranstaltungen, zu denen er kommt und immer etwas zu sagen hat, hörte ich von ihm die einfache Feststellung: «Eine Mitteilung ist noch keine Botschaft.» Ich weiß nicht, ob das eine Original-Schmisi-Sentenz ist oder ob er sie selber gelesen hat: einerlei, das ist die richtige Auffassung unseres Berufes Mitteilungen beliebiger Art kann jede Pressestelle absondern, im Zeitalter der ungehemmten Datenflut sogar grenzenlos und unwidersprochen verbreiten. Aber erst, wenn jemand zuhört, weil er (oder sie) sich angesprochen fühlt, wird eine Botschaft daraus und erst die Reaktion des Angesprochenen führt zur Kommunikation. Je größer die Menge der Mitteilungen wird, desto größer auch die Verantwortung des Designers, aus den Mitteitungen, die es wert sind, gehört oder gelesen zu werden, Botschaften zu machen – zu kommunizieren.


Erschienen: novum Gebrauchsgraphik Juli 1989