Der berühmte Ulmer Hocker von Max Bill

Ich sehe es noch heute ganz klar vor Augen. Ich war gerade 12 geworden und verbrachte ein paar Tage bei meinem Onkel, Hans Schmitt-Rost, in Köln, einem Werkbund-Mann, der damals zusammen mit Schwippert und Eiermann ‘werk+zeit’ herausgab. An einem Morgen legte mir Onkel Hans die neueste Ausgabe dieses Zentralorgans des ‘deutschen werkbund’ aufs Bett, zeigte auf die berühmte Aufnahme der HfG-Bauten, die der Titelgeschichte über den Bezug der Neubauten auf dem Kuhberg vorplaziert war, und sagte mit seiner sonoren, rheinisch-singenden Stimme: »Jung, da jehste mir mal hin!«

Welcher Mensch könnte sich einem solchen Diktat entziehen? Zudem war ich von Anfang an (und das bis auf den heutigen Tag) von diesen kargen, aber wunderschön proportionierten Bauten fasziniert und der einmaligen Lage, hoch über dem Donautal. Bis zu meinem endgültigen Gang nach Ulm flossen noch viele Wässer Donau und Rhein hinunter. Die wichtigste Station auf der Pilgerfahrt ins Ulmer Kloster war ein Jahr in den USA, als exchange student in Michigan in den Jahren 1961/62. Ich lernte die Slums von Detroit kennen, heute durch die Krise der Automobil-Industrie noch übler als damals. Von dem für einen Europäer ungewohnten Elend und vor allem von der gebauten Umwelt war ich schockiert und beschloss später, Architekt werden zu wollen. Der aufmerksame Leser wird jetzt denken: der war schon ulmer bevor er nach Ulm kam, denn dort herrschte ja auch jahrelang die ehrenwerte, aber höchst naive Denke, dass gutes Design, Elend, Fachismus und andere Übeleien unmöglich macht.

Mein Onkel riet mir natürlich für das Architektur-Studium zu seinem Freund Eiermann nach Karlsruhe zu gehen. Ich machte also artig (oder vielleicht auch nicht so ganz, weil ich meine Physik-Arbeit aus Protest leer abgegeben hatte) mein Abitur in Duisburg und absolvierte das obligate Baupraktikum in Bonn. Dann jedoch, verpasste ich die Einschreibefrist in Karlsruhe und musste ein ganzes Jahr sinnvoll über die Runden bringen. Wiederum Onkel Hans brachte mich für ein Praktikum in einem Kölner Architekturbüro unter. Und das öffnete mir die Augen über die Architektur-Realität im damaligen Deutschland. Da wurde so viel unsäglicher Mist entworfen und gebaut, dass mir Angst und Bange wurde. Krise als Chance. Ich wiederentdeckte meine alte Gestalter-Leidenschaft, die Fotografie, mit der ich auch mein Kunst-Abi bestritten hatte und wechselte ein paar Kölner Straßen weiter in das Atelier des Fotografen Sander und setzte mein Praktikum halt in einer anderen Gestaltungs-Disziplin fort. Davon erfuhr nebenbei der damalige Lufthansa-Design-Chef (natürlich ein ehemaliger ulmer) Conrad. Der ließ sich meine Aufnahmen zeigen und rief noch in meinem Beisein den Otl (Aicher) an. Eine Woche später war ich zur Vorstellung bei ihm in Ulm und vier Wochen danach auch Student im Probesemester des ersten Studienjahres der Studienrichtung ‘visuelle kommunikation, foto/typo’. Später, als hfgler, fotografierte ich viel für die Lufthansa.

Natürlich hatte ich mich all die Jahre (auch ohne den Onkel) intensiv über die hfg informiert und ging folglich mit einer enormen Erwartungshaltung im Herbst 1965 dort hin. Es bedarf wohl keiner Erwähnung, dass meine Erwartungen in der dritten, der letzten Phase dieser wunderbaren Anstalt nicht oder nicht mehr erfüllt werden konnten. Ich eckte an, besonders bei den Lehrenden, die in der Endphase auf unerklärliche Weise da ‘reingerutscht’ waren. Fast wöchentlich bestellt mich der große Maldonado (damals Rektor) zum Rapport ein und redete mir ins Gewissen. Ich nahm Kontakt zu Bill auf und wollte ihn als ‘Retter’ nach Ulm zurück gewinnen. Ich sprach viel mit meinem hoch geschätzten Mentor Aicher, der für mich als moralische Instanz damals wichtiger war als Design-Lehrer, und klagte ihm mein Leid. Da er mir in den meisten Punkten beipflichtete, erlaubte ich mir die Frage: “Ja, aber, wenn selbst Sie, großer Meister, das so sehen, warum machen Sie den Laden dann nicht endlich dicht??” Er merkte an, dass diese Frage durchaus klug und berechtigt sei. Nach zwei Jahren Ulm war mir des Konfliktes zu viel und ich ließ mich im Sommer 1967 vom letzten Rektor Ohl beurlauben, in der Absicht nach ein bis zwei Jahren Abstand zurück zu kehren. Es ist bekannt, dass dieser Plan nicht mehr aufging. Die Auszeit von Ulm und auch etliche Jahre danach nutzte ich für das Studium der Psychologie, Soziologie, Pädagogik und Informationstheorie in Köln und Bonn. Gleichzeitig gestaltete ich aber auch gut und gerne in meinem Büro in Düsseldorf. Viele Jahre danach machte ich mein Design-Diplom an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.

Genug der Historie. Wie ist die Einschätzung? Die zwei Jahre in Ulm sind nicht nur unvergesslich, sondern unverzichtbar und das nicht nur für meine Gestaltungshaltung, sondern vor allem für meine geistig-moralische. Und ich glaube, das Beste und Wichtigste an der hfg war, dass sie eine Stätte mit höchsten ethischen Ansprüchen und Forderungen war, ein Kloster, das zwar fürchterlich streng und rigide (ja fast zwangsneurotisch), aber in seiner Klarheit und Kompromisslosigkeit ein guter Halt und für die Mutigen ein perfekter Ausgangspunkt für die Abenteuerreisen ins Wunderland der Gestaltung war. Man muss halt erst an etwas glauben können, von dem man sich später lösen muss! Das habe ich auch meinen Studenten seit Anfang der Achtzigerjahre an den unterschiedlichsten Design-Hochschulen im In- und Ausland immer und immer wieder gepredigt, wenn sie keine Lust mehr hatten, sich einer klaren, methodisch-konzeptionellen Denk- und Arbeitsweise zu öffnen. Ohne hfg (allerdings auch ohne meine Ausbildung zum Psychotherapeuten, in Gestalttherapie) wäre meine Design-Pädagogik nicht denkbar. Drum bin ich dankbar, dort reichlich geprügelt worden zu sein.

Ich habe vor zwei Jahren einmal versucht, für eine Infobroschüre meiner Hochschule, mein pädagogisches Credo auf zu schreiben. Ich will es dem Leser nicht verheimlichen:

Ist Design überhaupt lehrbar?

Von der Design-Lehre zurück zur Design-Praxis.

Ich kann mir kaum ausmalen, was für ein Mensch, was für ein Designer ich geworden wäre, hätte ich diese wunderbare, wenn auch sehr widersprüchliche (dazu später noch Einiges) Ulmer Schule nicht erfahren dürfen. Es war diese Weltoffenheit, diese für Design unverzichtbare Interdisziplinarität, diese Diskurs fördernde Enge, dieser permanente Austausch beim Mittagstisch, bei den Kaffeepausen an der einmaligen Bill-Bar, diese ausschweifenden Feste, die einen lebendig hielten, den Geist beweglich, all dies hat das werteorientierte Gestalten evoziert, das ich nun seit über 30 Jahren praktiziere, ein Gestalten in einem Bereich, den mir natürlich der Meister Aicher vorgezeichnet hat: Konzipieren und Gestalten und Durchsetzen von komplexen Design-Programmen, dem Corporate Design.

Wäre ich ein kleingeistiger Adept des Meisters, so hätte ich Ihn sicherlich ewig kopiert, weil er ja so perfekt war und so gut war. Von seiner Vorgehensweise habe ich mich natürlich weitestgehend emanzipiert, habe die Idee der komplexen Programmgestaltung weiter gedacht, sie gar zu einem nützlichen Management-Tool entwickelt. Und dies nicht erst, seitdem mir die Widersprüche dieses Mannes aufgegangen sind: Er war eigentlich gar kein Designer, sondern ein Künstler, ein großer Künstler, einer, der seinen eigenen Duktus hatte, der sein riesengroßes ästhetisches Repertoire überall und fast gleich eingesetzt hat, halt wie ein Künstler, nicht wie ein Problemlöser, ein Designer, der sich immer hinter der zu lösenden Aufgabe zurück halten muss (in Ulm wurde uns ja schließlich das anonyme, und nicht das Autoren-Design, gepredigt, deshalb liefen wir ja auch alle so schön anonym-anthrazit rum, bis man auf uns zeigte: “Das laufen wieder die Anonymen!”).

Wer Aichers Erscheinungsbilder für die sehr unterschiedlichen Anlässe, Firmen und Organisationen im Detail betrachtet, wird sie niemals eindeutig den jeweiligen Auftraggebern zuordnen können. Sind sind schönste l’art pour l’art. Wahrscheinlich war deshalb auch der Hass auf die Künstler an seiner hfg so groß. Weil man meistens das hasst, ...

Ein weiterer Widerspruch war sein rigides, fast diktatorisches Durchsetzen seiner Vorstellungen vor Ort, einem bekennenden Humanisten eigentlich nicht würdig. Bekannt sind die ewigen gelben Tulpen auf dem Schreibtisch jedes Erco-Arbeitnehmers, egal, ob der nun gelb oder überhaupt Tulpen liebte, das Ausrichten der grauen Bleistifte bei der Bayrischen Rück oder der WestLB (die nun auch - trotz Aicher - endgültig den Bach runter geht), usw. usw.. Dennoch: diese Widersprüchlichkeiten zeigen, dass die hfg viel lebendiger, lebensnaher war, als sie nun von vielen Außenstehenden gesehen und beschrieben wird. Und Aicher selbst würde es mir übel nehmen, würde ich ihm und seiner Arbeit - bei aller Anerkennung - nicht auch höchst skeptisch und kritisch begegnen. Ein schönes Beispiel ist auch seine ‘Rotis’, die er als Perfektionist so zu Tode perfektioniert hat, dass sie schlecht lesbar ist, denn bekanntlich bleiben die ‘Rostigkeiten’ einer Schritt im Hirn hängen und machen Worte so besser erkennbar und merkbar. Ganz abgesehen davon, dass diese, inzwischen gar für Kataloge von Schraubenherstellern missbrauchte, Schrift einen höchst unangenehmen pietistischen Charakter hat. Meinen Studenten habe ich sie durchweg verboten, außer für die Typografierung von Bibeln und auf meinem Grabstein. Auf dem wird übrigens stehen: Und am Ende wußte er, weniger ist doch nicht mehr!

In diesem Sinne.