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Die bundesdeutsche Design-Ausbildung steckt in der Krise - Ziel: die Reform der Reformen.

„Eigentlich sollte man denken, ist es nicht nur normal, sondern wunderbar, daß große Umwälzungen auch die Gedanken in Bewegung bringen und sogar verändern. Erkannte Irrtümer gehören zum Wertvollsten, was nachdenkende Leute an ihre Mitmenschen weitergeben können. Aber in unserer Kultur des Rechthabens – ... – gilt der Zweifel und erst recht der Widerruf als Verbrechen: Das Nachdenken selbst unterliegt dem Verratsverdacht. Ich möchte mich hier diesem Verdacht eine Weile aussetzen.“

Dieses Zitat stammt aus einer Rede des Westberliner Schriftstellers Peter Schneider in der Ostberliner Akademie der Künste.

Warum gerade diese Worte den Anfang eines Experten-Votums zur Lage des Design und seiner Ausbildung darstellen, liegt auf der Hand: Die westdeutschen Hochschulen verlangen nach mindestens einer so gründlichen Reform und Sanierung wie die ostdeutschen. Da werden östlich und westlich der Elbe etliche ideologische „Heilige Kühe“ zu schlachten sein. Der mehr als desolate Designbereich verlangt nach einer besonders grundsätzlichen Reform der Reformen.

Zunächst eine Definition von Design: Design bedeutet ‚Entwurf einer humanen Welt.‘ Design ist plaziert zwischen der erkenntnisorientierten Wissenschaft und der sinngebungsorientierten Kunst. Gutes Design ist also eine Problemlösung. Design ist nicht Kunst, nicht Kunstgewerbe, nicht Styling, nicht Kosmetik. Design ist somit Sozialfaktor, Kultur- und natürlich Wirtschaftsfaktor. Design ist aber auch eine Planungs- und Kreativitätsmethodik für alle Bereich des Planens, Forschens und Entwickelns. Schließlich ist Design eine Innovationsstrategie.

Alle verantwortungsvollen Sachkenner sind sich längst einig, daß der größte Fehler der Anfang-Siebziger-Reformer die Zwangsintegrierung der 20, teils wirklich renommierten Werkkunstschulen in die Fach- und Gesamthochschulen war. Dies hatte zur Folge, daß es nach der Schließung der legendären „hochschule für gestaltung ulm“ – im Jahre 1969 – auf westdeutschem Boden nichts mehr gab, was national oder gar international am Design-Himmel funkelte. Alles war bald grau, langweilig und mittelmäßig. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert.

Quantitativ ist das Angebot an Design Ausbildung Jahr für Jahr gewachsen. In noch schnellerem Maße nahm jedoch der qualitative Verfall zu. Gerade in diesem Kreativ-Bereich hat sich gezeigt, wie sehr sich die Vision der beliebigen Reproduzierbarkeit von Talent und Begabung als Lug und Trug erwiesen hat. Kein Mensch käme auf die Idee, aus einem Stimmlosen einen Opernsänger zu machen oder aus einer Lahmen eine Primaballerina. Nur im Design sollten diese Wunder vollbracht werden. Die Quittung für diesen naiven Umgang mit den angeblich endlosen Begabungsreserven haben wir schon längst: Einen Riesenberg arbeitsloser „Genies“, die, mit einer Diplom-Urkunde versehen, die Flure der Arbeitsämter bevölkern oder sich durch artfremde Berufe frusten – von 39 Ausbildungsstätten, an 24 Fachhochschulen, 8 Kunsthochschulen, 3 Gesamthochschulen und 4 privaten Lehranstalten in übervölkerten Klassen ausgebildet oder besser aufbewahrt.

Jedes Jahr kommen etwa 1000 weitere Absolventen hinzu. Wir haben die absurde Situation, daß der Arbeitslosenberg mit Designern rapide wächst, während gleichzeitig anspruchsvolle Designstellen – das zeigen die immer wiederkehrenden, immer größer werdenden Stellenanzeigen – in Design-Büros, Verlagen, Firmenabteilungen, Werbeagenturen und Behörden nicht besetzbar sind. Denn, das belegen verschiedene Untersuchungen: Nicht einmal 10 Prozent der diplomierten Designer besitzen das Rüstzeug für den Einstieg in die immer schwierigere Praxis.

Wer diese erschreckende Negativbilanz nicht glauben will, der schaue sich nur die jährliche Bestenauswahl von Abschlußarbeiten nordrhein-westfälischer Designschulen im Hagener Karl-Ernst-Osthaus-Museum an. Diese „Leistungsschau“ der 9 nordrhein-westfälischen Design-Fachbereiche, bei der etwa 45 Diplomarbeiten aus dem jeweiligen Jahr gezeigt werden, gibt einen realistischen Einblick in die Bildungsqualität des Bundeslandes, in dem etwa die Hälfte der rund 15.000 Design Studienplätze verwaltet werden. Über ein Drittel der dort ausgestellten Arbeiten hat gar nichts mit Design zu tun, sondern stellt mittelmäßige bis schlechte Kunst oder Kunstgewerbe dar.

Die deprimierenden Betrachtungen der Hochschulszene werden durch die Design Praxis verstärkt. In diesem Zusammenhang soll sich die folgende Problembeschreibung am Kommunikationsdesign – auf die nordrhein-westfälischen Verhältnisse konzentriert - orientieren. Zunächst gilt: Das qualitätsvolle, an internationalen Standards orientierte Grafik- und Kommunikationsdesign stellt sich in Nordrhein-Westfalen stellvertretend für die gesamte Bundesrepublik immer mehr als verschwindende, zu vernachlässigende Größe dar. So hat beispielsweise der „Bund Deutscher Grafik-Designer“ Ende 1989 einen deutschen Auswahlwettbewerb durchgeführt, bei dem die besten Arbeiten im Bereich Grafik-Design der letzten acht Jahre von einer wirklich guten Jury ausgewählt wurden. Es galt, 127 Gestaltungsarbeiten zu bewerten. Das muß wiederholt werden: ganze 127 vermeintliche Spitzenleistungen in acht Jahren, abgebildet in einem Katalog, der genau 5 Millimeter dick ist. Für den gleichen Zeitraum von acht Jahren hat eine andere, allgemein anerkannte Jury weltweit die in 20 Büchern des Schweizer Graphis Verlags dokumentierten visuellen Gestaltungsarbeiten ausgewählt. Dieser Bücherstapel ist 410 Millimeter hoch, also genau 82mal mehr. Bei diesem Leistungsvergleich ist noch zu bedenken, daß es primär sechs Länder sind, die ein hohes Qualitätsbewußtsein für Leistungen im visuellen Design haben: England, Holland, USA, Japan, Schweiz und Deutschland. Also müßten wir eigentlich 70 Millimeter statt 5 auf die Beine stellen. Wir sind demnach 14mal schlechter, als wir sein dürften.

Das Desaster ist aber auch noch anders beschreibbar.

Das Hauptarbeitsgebiet für das Kommunikationsdesign liegt heute bei der Gestaltung komplexer Kommunikationsprogramme, dem Entwerfen visuell/verbaler Systeme, dem sogenannten Corporate Design. Diese Kommunikations- und Design-Programme werden von international tätigen Designbüros entwickelt für Unternehmen, Organisationen, Kongresse und staatliche Institutionen. So gibt es zum Beispiel in den Niederlanden kein Ministerium mehr, das nicht ein solches mustergültiges Design besitzt. Die Japaner finden es so beispielhaft, daß sie dem niederländischen Design für staatliche Institutionen ein ganzes Buch gewidmet haben. Das letzte große deutsche Corporate-Design-Ereignis war die von Otl Aicher gestaltete Olympiade ’72 in München.

Die meisten guten Programme für große deutsche Firmen wurden von englischen, holländischen, amerikanischen und schweizerischen Design-Büros entwickelt: So beispielsweise für Aral, BFG, Volkswagen, Audi NSU, Beiersdorf, Vorwerk, InterRent und seit vier Jahren auch für die Deutsche Bundespost, und zwar von der Berliner Niederlassung eines Londoner Büros. Immer mehr drängen ausländische Großbüros für Design auf den deutschen Markt. Die wenigen guten, kleinen, westdeutschen Design-Büros werden dies ohnmächtig hinnehmen müssen, denn ihnen fehlt es vor allem an Manpower mit einer hochqualifizierten Ausbildung. Ausreichend staatliche Unterstützung, aktive, schlagkräftige Berufsverbände wie in Holland und England, eine engagierte, kritische Design-Presse und vor allein Erfahrungen durch gute und große Aufgaben sind nicht vorhanden. Dagegen stehen enorme Defizite im Umgang und der Integrierung neuer Medien und Technologien in den Konzeptions- und Gcstaltungsprozeß. So müssen dann die meisten westdeutschen Designer mit Schrecken auf den Binnenmarkt am 1. Januar 1993 schauen, wenn die Kollegen aus den europäischen Mitgliedstaaten noch mehr als bisher auf diesen lukrativen Markt drängen. Umgekehrt werden kaum ausländische Firmen und Institutionen nach Absolventen westdeutscher Schulen rufen, weit ihnen gar keine bekannt sind, weil diese kein Profil haben und keine ablesbare Ausrichtung. Den Markenartikel „Deutscher Designer“ gibt es nicht mehr.

Wir sind von der führenden Design-Nation, in der mit Werkbund, Bauhaus, Ulmer Hochschule einst die drei wichtigsten Wiegen der modernen Design-Geschichte standen, international ins absolute Abseits getreten. Wir rangieren im Ausbildungsstandard zwischen „Neuseeland und den Fidschi-Inseln“, wie ein Kollege in Japan auf dem internationalen Design-Kongreß Ende 1989 sicherlich nicht nur scherzhaft anmerkte.

Ausbildungsstandard skeptisch beurteilt

Im Oktober 1987 fand im Internationalen Designzentrum Berlin im Rahmen der „Qualifizierungsoffensive“ des Berliner Senats ein internationales Experten-Hearing statt. Ein Zitat aus dem Tagungsprotokoll verdeutlicht die Forderung: „Einig waren sich die Designer-Experten darin, daß nicht nur die Designer selbst besser qualifiziert werden müßten, sondern auch ihre Auftraggeber, die Unternehmer, die öffentliche Verwaltung sowie die Konsumenten. Und weiter: „Der Ausbildungsstandard der Hochschulabsolventen im Design wurde von den Experten allgemein äußerst skeptisch beurteilt; den Neu-Designern fehlten sowohl handwerkliche als auch konzeptionelle Fähigkeiten. Notwendig sei eine Reform der Ausbildungsreform der 70er Jahre. Die Designer-Schulen mußten aus ihrer institutionellen Erstarrung herausgeführt werden; kreatives Experiment und innovatives Denken sollen wieder in den Vordergrund rücken.“

Generationen um Zukunft betrogen

Das erste umfassende Konzept zur Reform der Reformen, an dem ich mitgearbeitet habe, stammt aus dem Jahre 1977, vom Deutschen Werkbund Nordrhein-Westfalen. In mehreren Gesprächen und Schreiben wurde es dem Ministerium und etlichen Abgeordneten erläutert. Sein Kerngedanke war die sofortige Gründung einer neuen „Hochschule für Gestaltung“ in Nordrhein Westfalen mit einem angeschlossenen ‚Institut für Gestaltforschung‘. Inzwischen sind 14 Jahre vergangen, mehrere Studenten-Generationen sind um ihre Zukunft betrogen worden. Diese vielen Jahre der Handlungsunwilligkeit, der Konzeptions- und Ideenlosigkeit sind schlichtweg ein politischer Skandal. Es muß jetzt für den Design-Bereich eine Planungs- und Strukturkommission – ähnlich wie seinerzeit für den Kunstbereich - eingerichtet werden; und zwar mit einer qualifizierten Besetzung und mit Design-Experten aus dem Ausland. Gute Planung kostet ein paar Mark. Denn zwei Jahrzehnte über 90 Prozent fehlinvestiert zu haben, verschlangen ja auch bereits eine dreistellige Millionen-Summe.

Da an derjetzigen Designer-Ausbildung in Nordrhein-Westfalen so gut wie nichts stimmt in konzeptioneller, struktureller, personeller und finanzieller Hinsicht, gibt es nur eine grundsätzliche Problemlösung: Die schrittweise Reduzierung der rund 6400 Studienplätze auf realistische 1000. Das damit verbundene Auslaufenlassen aller neun Design-Fachbereiche und gleichzeitige Gründung von vier neuen Hochschulen überschaubarer Größe, zwei „reinen“ Design-Hochschulen und zwei „Hochschulen für Angewandte Kunst“. Davon sollte eine für Post Graduate Studies als „Europäische Hochschule für Design“ im Rahmen der „Internationalen Bauausstellung Emscher-Park“ mitten im Ruhrgebiet errichtet werden.


Erschienen: Deutsche Universitätszeitung DUZ vom 18. Februar 1991