Mein Designverständnis

Ist Design überhaupt lehrbar?

Immer wieder, in der nun hundertjährigen Geschichte des Designs, wurden diese Fragen von Experten und Banausen zu beantworten versucht. Mir hat sie immer wieder ein klares JEIN entlockt. Für meine Disziplin, das Kommunikationsdesign, bedeutet das einerseits: Viel mehr als behauptet und viel mehr als an der Mehrzahl der Design-Schulen angeboten wird, ist vermittelbar, also lehrbar: die Grundlagen der Gestaltung, der Umgang mit dem Urmaterial, mit Form und Proportion und Maß und Farbe und Struktur und Textur, mit Buchstaben und Bildern, mit Typografie und Layout. Und natürlich alle theoretischen Grundlagen, die ein Designer zum sinnvollen Ausüben seiner schönen aber schwierigen Profession erfahren muss, sind lehrbar: Designgeschichte und Medientheorie, Wahrnehmungspsychologie und -physiologie, Planungsmethodik und heute mehr denn je Neuro-Biologie und Neuro-Psychologie.

Andererseits: Da Design ja nun mal nicht Kunst, nicht Allerweltskitsch, nicht Kunstgewerbe, nicht Selbstverwirklichung, sondern in erster Linie Problemlösung bedeutet, wird ein klarer, kritischer, analytischer Verstand gebraucht, eine unkonventionelle Geisteshaltung, viel Mut, aber auch viel Gestaltungswille, ja Veränderungsdrang. Und das ist weissgott nicht lehrbar. Da sollte man das meiste schon mitbringen, an Rüstzeug, an Werthaltung, an Talent. Hier unterscheidet sich Design in keinster Weise vom Hochleistungssport und anderen Hochbegabten-Disziplinen, wie Musik, Tanz, Theater, Film.

Da der einstige Wertebegriff ‘Design’, spätestens seit den postmodernen Übergriffen, in den letzten drei Jahrzehnten eine ungeheure Verfälschung, Verflachung, Bagatellisierung und Pervertierung erfahren hat - jeder Kitsch bekam plötzlich das Label ‘Design’ aufgepäppt - benutze ich ihn kam noch. Um meinen Studenten das ‘wahre’ Design noch einmal in Erinnerung zu rufen, habe ich 1994 für sie ein Plakat gestaltet (es hängt im Erdgeschoss vor meinem Raum 1.16), dessen wesentliche Aussagen ich hier zitieren möchte:

design

ist kein job, sondern eine form zu denken, zu handeln, zu leben,
ist immer werteorientiert,
ist bedachtes, überlegtes, absichtsvolles gestalten.

design

heisst planen,
heisst ordnung ins chaos bringen,
heisst eingreifen, verändern, gestalten,
heisst probleme lösen,
heisst probleme radikal lösen: an der wurzel,
heisst vorhandenes in frage stellen,
heisst den höheren zustand von bewusstheit und bewusstsein realisieren,
heisst mit eingeschaltetem hirn denken!

design

setzt wahrnehmungsfähigkeit voraus,
und gestaltungswillen, ja gestaltungsdrang.

Für mein Verständnis von ganzheitlicher Design-Pädagogik heißt das: Statt Lehre, eher Training, Coaching, Supervision. Der Gestaltungsmeister muss seine Lehrlinge auf dem schwierigen Weg vom ‘korrekten’ über das ‘gute’ zum ‘besseren Design’ fördernd und fordernd begleiten oder anders ausgedrückt, ihn vom ‘Glotzen’ über ‘Sehen’ zum ‘Wahrnehmen’ führen (also nichts für E-learning oder gar Fernstudium).

Ein langer, ein schöner, ein schwieriger Weg. Wie dann Ziele aussehen könnten, ist zu besichtigen unter: http://www.gruppe116.com