Karikatur

von Bettina Palazzo

Wenn in Unternehmen von Werten gesprochen wird, so ist damit meistens hartes, in Finanzkennzahlen verpacktes Datenmaterial gemeint. In solchen Unternehmen existiert das Thema der moralischen Werte allen falls in der feinsinnigen Prosa von Imagebroschüren oder in den Sonntagsreden von Vorstandsvorsitzenden. Dahinter steckt die Überzeugung, dass moralische Werte im Grunde nichts mit der eigentlichen Tätigkeit zu tun haben.

Inzwischen setzt sich in immer mehr Unternehmen die Erkenntnis durch, dass Unternehmensethik keine weihnachtliche Lichterkette ist, die im Rhythmus der Konjunkturwellen an-und ausgeknipst werden kann. Sie ist ein strategischer Erfolgsfaktor, dessen Management auf Dauer angelegt sein muss. Unternehmen handeln nicht in einem sozialen Vakuum, sondern sind Teil einer Gesellschaft, eingebunden in ein Geflecht aus Normen, Wertvorstellungen und Erwartungen. Dieses gesellschaftliche Wertegefüge ist seit einigen Jahre in Bewegung gekommen. Traditionen erodieren, die Geschwindigkeit technologischer Veränderungen zieht an, die Gesellschaft verändert ihr Gesicht. Sie wird komplexer, unübersichtlicher und in vielerlei Hinsicht riskanter. In einer nach Orientierung und Sinn suchenden Zeit rückt das Thema der moralischen Werte in der Aufmerksamkeit der Menschen weit nach vorne. Unternehmen, die solchen Ansprüchen nicht gerecht werden, handeln nicht nur ethisch fragwürdig, sondern vor allem auch ökonomisch kontraproduktiv. Die so genannten weichen Werte haben harte ökonomische Konsequenzen. Die Öffentlichkeit beobachtet unternehmerisches Handeln immer kritischer und wachsamer. Sie tut dies lokal, aber immer häufiger auch global vernetzt. Die mühsam aufgebaute Reputation kann schnell zerstört werden. Die empörte Öffentlichkeit setzt Unternehmen unter Druck, indem sie schlicht den Konsum ihrer Produkte verweigert. Die Gründe moralischer Empörung sind vielfältig, die Heftigkeit der Konsumentenreaktion kaum vorhersehbar. Es trifft den Metzger, dessen Produkten man in Zeiten von BSE nicht mehr traut. Wer Sport treibt, möchte dies vielleicht lieber in solchen Schuhen tun, die nicht unter menschenunwürdigen Bedingungen genäht wurden. Wer seinen Kindern Spielzeug schenkt, verzichtet vielleicht lieber auf die Puppe, die im chinesischen Gulag gefertigte wurde.

Loyalität, Vertrauen und Reputation müssen erarbeitet werden, sie entscheiden mit über den unternehmerischen Erfolg. Kunden, Mitarbeiter, Marktpartner, Investoren und eine kritische Öffentlichkeit legen veränderte Maßstäbe an unternehmerisches Handeln an. Wer glaubt, das Thema über die Imagebroschüre abhaken zu können, wer legal mit legitim verwechselt und die Motivation der eigenen Mitarbeiter alleine über Entlohnungssysteme steuert, bekommt früher oder später Probleme. Unternehmen, die frühzeitig in den Schutz und die Förderung ihrer Integrität investieren, verschaffen sich dagegen einen Wettbewerbsvorteil. Die Risiken, die durch die Vernachlässigung der Moral entstehen können, nehmen zu. Im „ethischen Ernstfall“ ist es dann meist zu spät, um wirksam gegensteuern zu können. Die „Wiederherstellungskosten“ sind zudem fast immer teurer als Prävention. Und der Neuaufbau von Vertrauen und Reputation dauert lange. Die gegenwärtige Rezession sollte daher als Chance zum Aufbau moralischer Reputation genutzt werden – etwa dadurch, Entwicklung und Umsetzung eines Leitbildes parallel zu unvermeidbaren Entlassungen voranzutreiben. Gerade in einer solchen Situation kann man die Glaubwürdigkeit des unternehmerischen Ringens um die eigenen Werte beweisen.

Die Autorin ist Beraterin der Management Manufaktur AG in Sarnen, Schweiz


Erschienen: Süddeutsche Zeitung vom 13. Mai 2002